Am Ende der Welt – zwischen Schlamm, Geschichte und einem stillen Jahreswechsel

Am Ende der Welt – zwischen Schlamm, Geschichte und einem stillen Jahreswechsel

Kategorie Reiseberichte Datum 01.01.2026 Autor GABI

Ushuaia zeigte sich mir tagelang von seiner rauen Seite.Regen, Kälte, immer wieder Schnee. Der Campingplatz war nicht voll – aber voller Matsch. Mit jedem Tag wurde der Boden weicher, tiefer, schwerer. Am Ende musste ich beim Wegfahren zum ersten Mal auf dieser Reise den Allrad einschalten. Ohne ihn hätte ich mich festgefahren. Kein Drama. Einfach Realität am Ende der Welt.


Am 26. Dezember war das Wetter zumindest so gnädig, dass ich mich vor die Tür traute. Ich beschloss, mein Glück zu versuchen – mit dem Tren del Fin del Mundo, dem berühmten Zug am Ende der Welt.
Natürlich: ausgebucht. Warteliste.
Und dann doch Glück. Vielleicht, weil ich allein unterwegs bin. Vielleicht, weil das Leben manchmal genau dann eine Tür öffnet, wenn man nicht damit rechnet.


Der Zug ist klein, historisch, eine Schmalspurbahn. Und er wirkt auf den ersten Blick fast harmlos. Doch seine Geschichte ist alles andere als das.


Ushuaia war einst eine Strafkolonie. Ein echtes Gefängnis.
Straftäter wurden hierher gebracht – weit weg, an einen Ort, der härter kaum sein konnte. Ihre Aufgabe: Holz fällen. Der Wald rund um Ushuaia war Rohstoff, Arbeitsort und Überlebensgrundlage zugleich. Mit dem Holz wurden Häuser gebaut, geheizt, Strukturen geschaffen. Und gleichzeitig verschwand der ursprüngliche Wald immer mehr.


Was viele nicht wissen:
Es lebten hier nicht nur Gefangene.


Die Wärter kamen mit ihren Familien. Es entstand eine vollständige Infrastruktur – Unterkünfte, Werkstätten, Versorgungseinrichtungen. Es gab sogar eine Schule. Kinder wuchsen hier auf, zwischen Gefängnismauern, harter Arbeit und einer Natur, die zugleich wunderschön und gnadenlos war.
Ein merkwürdiges Nebeneinander aus Zwang und Normalität.
Ein gesellschaftliches Experiment am äußersten Rand der Welt.


Der Zug verband all das.
Er brachte die Gefangenen in die Wälder, transportierte das geschlagene Holz zurück und hielt dieses fragile System überhaupt erst am Laufen.


Heute fährt der Zug als Touristenattraktion durch eine zerklüftete Landschaft. Und ja – er ist genau das: eine Attraktion. Aber wenn man hier ist, sollte man diese Fahrt machen. Nicht wegen der Fotos. Sondern wegen der Geschichte. Wegen der leisen Erkenntnis, wie sehr dieser Ort von menschlichen Versuchen geprägt ist, irgendwo Wurzeln zu schlagen – koste es, was es wolle.


Stock, Stein und ein Körper, der irgendwann stoppte

Am nächsten Tag wollte ich raus.
Mich bewegen. Wandern.


Ich machte mich auf den Weg zur Bahía Ensenada, über die Senda Costera im Parque Nacional Tierra del Fuego. Ein wunderschöner Weg – und deutlich anstrengender, als ich gedacht hatte.


Hier sind die Wege nicht so, wie wir sie kennen. Kein gemütliches Spazieren. Stattdessen Wurzeln, Steine, Schlamm, kleine Kletterpassagen. Man springt, hangelt sich, balanciert. Das macht Spaß. Und es kostet Kraft.

Die Belohnung sind Ausblicke auf schneebedeckte Berge, auf Meer, auf Weite.
Diese Art von Schönheit, die einen kurz vergessen lässt, wie müde man eigentlich ist.


Ich merkte erst sehr spät, wie erschöpft ich war. Mein Knie meldete sich – erst leise, dann deutlich. Ich entschied mich, nicht den gleichen Weg zurückzugehen, sondern die Ruta 3 zu nehmen. Zuvor noch eine Pause im Visitor Center. Aufwärmen. Durchatmen.


Der Rückweg zog sich. Kilometer um Kilometer.
Ich weiß nicht mehr genau, wie viele es waren – nur, dass es zu viele waren. Die Schritte wurden langsamer, die Bewegungen schwerer. Auf den letzten acht Kilometern fror ich. Richtig.
Dass ich mir dabei eine heftige Erkältung eingefangen hatte, wusste ich da noch nicht.


Weg von hier

Am nächsten Tag wollte ich nur noch eines: weiterfahren. Richtung Norden. Richtung Wärme.
Die permanente Kälte, das graue Wetter – ich konnte es nicht mehr ertragen.


Noch ein letzter Gang durch Ushuaia.
Hotels. Souvenirläden. Einkaufsgeschäfte.
Nichts, was mich hielt. Ich wollte weg.


Also fuhr ich nach Tolhuin. Ein Ort, den ich mochte. Den ich kannte. Der sich vertraut anfühlte.


Dort angekommen legte ich mich ins Bett – und stand erst drei Tage später wieder auf.
Fieber. Schüttelfrost. Schweißattacken.
Der Körper zog die Notbremse.


Silvester verbrachte ich allein, am See in Tolhuin. Bei wunderschönem Wetter. Still. Klar. Friedlich.


Drei Jahre später – genau hier

Es war genau drei Jahre her, dass ich beschlossen hatte, alles daran zu setzen, eine Weltreise zu machen. Damals war es ein Gedanke. Ein Wunsch. Eine leise Stimme.


Heute sitze ich am anderen Ende der Welt.


Nicht spektakulär. Nicht laut.
Aber glücklich. Zufrieden. Genau hier.


Ushuaia war nass, kalt und anstrengend.
Und trotzdem ein wichtiger Teil dieser Reise. Vielleicht gerade deshalb.




PS: Freiheit fühlt sich nicht immer nach Postkarte an.
Manchmal fühlt sie sich nach Matsch unter den Reifen, kalten Fingern – und einem stillen Jahreswechsel an, der genau richtig ist.

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Aktueller Standort der Freiheitsliebe-Reise – unterwegs mit dem LKW Möhre auf großer EntdeckungstourIrgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten, die nur darauf warten, erzählt zu werden.

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