Am Río San Juan

Am Río San Juan

Kategorie Reiseberichte Datum 21.02.2026 Autor GABI

Zurück am Río San Juan

Zurück an meinem Lieblingsort

Manchmal braucht es nur einen vertrauten Ort, Stille und das Gefühl, angekommen zu sein. Ich bin wieder von Punta Arenas losgefahren – raus auf die Ruta 9, Richtung Süden, dorthin, wo die Pferde frei über die Wiesen laufen, die Kühe gemächlich grasen und die Vögel den einzigen Lärm machen, den man hier hört. Mein Lieblingsplatz. Direkt am Fluss, mitten in der Natur, und so weit weg von allem, was laut ist.

Angekommen bin ich erst einmal flussaufwärts am Río San Juan losgezogen. Ein schmaler Trampelpfad führte mich hinein in einen wundervollen Wald voller alter, knorriger Bäume. Irgendwann öffnete sich der Weg zu einer Lichtung – und was für ein Anblick: Die Sonne versteckte sich gerade hinter den Bergen, davor glitzerte der Fluss, und ich stand einfach nur da und staunte. Es sind diese Momente, in denen ich dankbar bin, dass ich diese Natur so nah haben kann. Einfach mal um die Ecke raus und durchatmen. Es tut so gut, wieder außerhalb der Stadt in Ruhe die Tage verbringen zu können.


Über Gatter und Wiesen zur Halbinsel

Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg zur Halbinsel Punta Santa Ana. Zuerst ging es auf der Ruta 9 an Wildpferden vorbei, dann am Meer entlang, bis ich zum Wanderweg kam. Der war allerdings verschlossen – also stieg ich kurzerhand über das Gatter. Hinauf den Berg, mit der leisen Hoffnung, keinen Kühen zu begegnen. Zum Glück blieb es ruhig. Nach ein paar hundert Metern wartete das nächste Gatter, und der Wanderweg entpuppte sich als Wiese – nicht viele Menschen laufen hier, die meisten fahren lieber mit dem Auto.

Oben an der Straße angekommen führte mich ein Tor weiter zu einem Museum. Von dort schlängelte sich ein kleiner Pfad entlang der Küste, durch einen Wald mit coolen Wegen über kleine Brücken, ein paar Stufen, und immer wieder diese Ausblicke aufs Meer. Es war so ruhig, so erholsam. Und ich freute mich unendlich, dass ich endlich wieder richtig wandern kann – dass mein Körper wieder so ist, wie ich ihn kenne.


Fuerte Bulnes – Ein Ort voller Geschichte

Dann stand ich vor Fuerte Bulnes, dem kleinen Fort auf der Halbinsel. Und hier begann eine Reise in die Vergangenheit, die mich tief berührt hat.

Das Gebiet um Puerto del Hambre, Fuerte Bulnes und die Bahía San Juan gehört zu den geschichtsträchtigsten Orten Südpatagoniens. 1584 versuchte Spanien hier erstmals, eine Siedlung zu errichten – die Ciudad del Rey Don Felipe –, um die strategisch wichtige Magellanstraße zu kontrollieren und englische Piraten wie Francis Drake fernzuhalten. Rund 300 Kolonisten ließen sich nieder, doch das Klima war unbarmherzig: Kälte, Hunger und absolute Isolation machten die Siedlung zu einem Ort des Schreckens. Als der englische Seefahrer Thomas Cavendish 1587 anlegte, fand er nur noch Ruinen – und gab dem Ort den Namen Port Famine, Puerto del Hambre.

Der Ort blieb jahrhundertelang unbewohnt, bis 1843 der chilenische Präsident Manuel Bulnes beschloss, den Anspruch Chiles auf die Magellanstraße durchzusetzen. Am 22. Mai 1843 stach die Goleta Ancud von Chiloé aus in See – mit nur 23 Mann an Bord, darunter Seeleute, Arbeiter und Soldaten, angeführt von Kapitän John Williams Wilson und begleitet vom preußischen Kolonialisten Bernardo Philippi. Nach vier Monaten auf See erreichten sie Punta Santa Ana und errichteten das Fuerte Bulnes – die erste chilenische Siedlung im äußersten Süden.

Das Leben hier war geprägt von Entbehrung. Die Bewohner, meist aus den unteren Schichten der Gesellschaft, kämpften gegen das raue Klima, die Isolation und den Mangel an Vorräten. Archäologische Ausgrabungen fanden 12 Gräber, verstreut über verschiedene Bereiche, und die Analyse der Skelette zeigte Zeichen von Unterernährung bei Kindern, funktionalem Stress und traumatischen Verletzungen. Schließlich wurde die Siedlung aufgegeben und einige Kilometer nördlich entstand, was heute Punta Arenas ist.

Zwischen 1941 und 1943 wurde das Fort rekonstruiert und unter Denkmalschutz gestellt. Heute steht es als Ort der Erinnerung – ein vergessenes Pantheon, in dem die Stimmen der Vergangenheit noch immer flüstern.


Die Magie der Landzunge

Vom Fort ging ich unten am Meer bis zur Spitze der Landzunge, wo ein alter Baumstamm wie eine Bank auf mich wartete. Das Meer war ruhig, und ich spürte die Magie dieses Ortes – eine stille Kraft, die sich kaum in Worte fassen lässt. Nach einer Pause ging es weiter am Meer entlang – die Aussicht war atemberaubend: das Wasser, und ganz weit hinten die Anden.

Es war nicht so spektakulär wie manche Panoramen, die ich auf dieser Reise schon erleben durfte. Es war anders. Magisch. Eine Ruhe, die sich tief in mir ausbreitete, Kraft und Frieden zugleich. Ich habe noch nie so viel Energie an einem Ort gespürt.


Muscheln, Stöcke und ein Fluss, der Heimat ist

Glücklich ging ich zurück über die Gatter und dann direkt am Strand entlang. Ganz alleine sammelte ich ein paar Muscheln und Stöcke – kleine Schätze, die mich an diesen Tag erinnern werden. Der Tag ging zu Ende am Río San Juan, diesem Fluss, der mir schon so vertraut ist, dass er sich wie Heimat anfühlt.

Manchmal braucht es eben nicht die spektakulärsten Orte. Manchmal reicht ein ruhiger Fluss, ein alter Baumstamm am Meer und das Vertrauen in den eigenen Körper. Das ist Freiheit.

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