Ankommen am Ende der Welt – Weihnachten in Ushuaia

Manchmal gibt es Orte, bei denen man nicht sofort weiß, was man fühlen soll. Man kommt an – und braucht Zeit. Zeit, um zu begreifen. Zeit, um zu atmen. Zeit, um wirklich da zu sein.
So geht es mir gerade hier, in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt.
Ich feiere Weihnachten mit anderen Campern, mit Menschen, die ich auf dem Weg hierher kennengelernt habe. Fremde, die längst vertraut sind. Das Wetter spielt nicht wirklich mit – Wind, Wolken, wechselhaftes Licht. Aber genau das gehört hierher. Feuerland zeigt sich nicht geschniegelt. Es zeigt sich ehrlich.
Und dann diese Landschaft.
Abgestorbene Bäume, die nicht stören, sondern wie wilde Skulpturen in der Gegend stehen. Bäche, die sich durch Täler ziehen, in denen jetzt Blumen blühen. Wälder, Wildpferde, schneebedeckte Gipfel. Es ist kaum zu fassen, was ich allein auf den letzten Kilometern gesehen habe. Ich weiß jetzt schon: Ich werde bleiben. Nicht für immer – aber länger. Doch jetzt bin ich erst einmal angekommen.
Warum heißt Feuerland eigentlich Feuerland?
Diesen Gedanken hatte ich oft auf dem Weg hierher. Der Name Tierra del Fuego geht zurück auf die ersten europäischen Seefahrer. Als sie an der Küste entlangfuhren, sahen sie unzählige Feuer. Die indigene Bevölkerung – vor allem die Yámana – entzündete sie zum Wärmen und Kochen. Für die Seeleute wirkte es, als würde das Land brennen.
Heute brennt hier nichts mehr sichtbar. Aber etwas anderes glüht: die Landschaft, die Weite, das Gefühl, ganz klein zu sein.
Von Pinguinen, Grenzen und Windschatten
Die Fahrt vom Parque Pingüino Rey hierher war überraschend unspektakulär. Wieder eine Grenze – von Chile zurück nach Argentinien. Direkt an der Grenze habe ich windgeschützt übernachtet. Am nächsten Tag wollte ich weiter nach Río Grande, eine Stadt an der Atlantikküste.
Ich dachte, ein kurzer Stopp wäre schön. Doch schon beim Durchfahren wurde klar: Río Grande ist eine Industriestadt. Funktional, laut, geprägt von Fabriken und Zweckbauten. Kein Ort zum Ankommen, kein Ort, an dem ich bleiben wollte. Ich habe eingekauft – und bin weitergefahren.
Tolhuin – und ein Festival, das Fragen aufwirft
Ganz anders war Tolhuin.
Ein windgeschützter Parkplatz, andere Camper, Ruhe. Ich bin gewandert, habe gearbeitet – und bin eher zufällig auf das Gaucho-Festival Fiesta del Gaucho El Orejano gestoßen.
Plötzlich ergab alles Sinn: die Reiter, die mir unterwegs begegnet waren. Sie waren auf dem Weg dorthin – zu Pferd.
Auf dem Festival habe ich Dinge gesehen, die mich tief beschäftigt haben. Wildpferde werden dort eingefangen und im Rahmen eines Wettkampfs eingeritten. Den Pferden werden die Augen verbunden, ein Halfter angelegt – und eine Art Haltevorrichtung, an der sich der Gaucho festhält. Dann dann wird Pferd inklusive Reiter losgelassen, und der Gaucho muss sich so lange wie möglich auf dem Rücken halten, bis eine Glocke erklingt.
Ich habe unfassbare Bilder gemacht. Schön? Ich weiß es nicht.
Sie zeigen den Kampf zwischen Mensch und Tier. Manchmal gewinnt das Pferd. Manchmal der Reiter.
Ich empfand vieles als grenzwertig, vielleicht sogar als Tierquälerei. Und doch habe ich mir bewusst erlaubt, nicht zu urteilen. Es ist Tradition. Eine Geschichte, die älter ist als unsere heutigen Maßstäbe. Wir sollten sie nicht verachten, ohne die Vergangenheit zu kennen. Wir dürfen hinschauen, fühlen, hinterfragen – aber auch einfach beobachten.
Weihnachten am Ende der Welt
Jetzt bin ich hier. In Ushuaia. Weihnachten.
Kein Glanz, kein Lärm, keine Termine. Stattdessen Wind, Wolken, Camper, Gespräche und das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.
Ich wünsche euch allen ein besinnliches, ruhiges Weihnachtsfest.
Mit Zeit. Mit Weite. Und vielleicht mit dem Mut, einfach mal anzukommen.
Frohe Weihnachten.

Irgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW
entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von
neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten,
die nur darauf warten, erzählt zu werden.