Zwischen Werkstattchaos und Dankbarkeit

Manchmal entscheidet ein ganz kleiner Moment darüber, wie eine Reise weitergeht. Bei mir war es der Moment, in dem ich beim Kontrollblick in den Technikbereich sah, dass eine der LKW-Batterien ausgelaufen war. Mein Herz rutschte mir kurz in die Hose. Improvisiert gestopft, alles gesichert, und dann nichts wie los zur nächsten Werkstatt – in der Hoffnung, dass Möhre mich noch dorthin bringt.
Dort dann: Erleichterung und Stress zugleich. Neue Batterien waren da, der Einbau ging flott, die Stimmung war herzlich. Doch als der Batterieschalter wieder umgelegt wurde, hörte ich nur dieses eine Geräusch: ein Zischen. In Sekundenbruchteilen war klar, dass etwas nicht stimmt. Die Pole waren vertauscht, Kabel falsch, und plötzlich war die Lichtmaschine Geschichte.
Die folgenden Stunden waren ein wilder Mix aus Sorgen, Hoffnung und Staunen. Nachts wurde die Lichtmaschine ausgebaut, zu einem Techniker gebracht, der für mich zu einer Art stiller Held dieser Reise geworden ist: Er hat sie überholt, Ersatz organisiert, den Kabelbaum zur Lichtmaschine wieder instand gesetzt – alles, damit Möhre und ich weiterziehen können. An meiner Seite: Betina und Christian, die mir schon bei der Suche nach einer Zahnärztin geholfen hatten. In einem Land, dessen Sprache ich nur halb verstehe, sind solche Menschen wie ein sicherer Hafen. Am Ende dieses Tages war ich einfach nur unendlich dankbar – für Hilfe, für Möhre, für meinen Körper, der das alles mitmacht, und dafür, dass die Reise weitergehen darf.
Ein letzter Blick zurück – und dann nach vorn
Am nächsten Tag ging es noch einmal zur Zahnärztin, ein letztes Mal. Die Behandlung ist abgeschlossen, die Entzündung abgeklungen, und mein Körper fühlt sich endlich wieder so an, als könnte ich ihm vertrauen. Es ist erstaunlich, wie viel leichter sich die Welt anfühlt, wenn die ständige Sorge um die Gesundheit leiser wird.
Betina, Christian und ich fuhren noch einmal zu meinem Lieblingsplatz am Fluss, als würde ich mich verabschieden – nicht von dem Ort, sondern von einer Etappe dieser Reise. Der Río San Juan, der sich mit der Zeit wie eine kleine Heimat angefühlt hat, das leise Plätschern, die vertrauten Bäume am Ufer: Sie haben mich durch eine Phase getragen, in der ich oft einfach nur ausruhen und atmen musste. Nun spürte ich: Jetzt ist es Zeit weiterzugehen. Weiter in den Norden, weiter in das, was diese Reise mir noch zeigen will.
Möhre und ich auf dem Weg in die Berge
Und dann war er da, dieser Moment, auf den ich so lange gewartet habe: Es geht weiter. Wieder Richtung Puerto Natales, und von dort hinein in den Nationalpark Torres del Paine. Schon der Name klingt nach großem Kino – und genau so fühlt es sich an, als ich mit Möhre die ersten Kilometer in den Park hineinrolle.
Ich wusste, dass die Straßen anspruchsvoll sind, aber was da kam, hatte es in sich: Schotterpisten, tiefe Spurrillen, enge Kurven und Steigungen, bei denen ich im ersten Gang hochkroch, damit der Turbo nicht während der Fahrt den Geist aufgibt. Im zweiten Gang wäre es mutig gewesen – vielleicht zu mutig. Und genauso bergab: alles mit Bedacht, alles mit dem Wissen, dass ich und Möhre ein Team sind, das sich aufeinander verlassen muss.
Zwischendurch überholen mich Reisebusse, als wäre das alles nichts. Ich dachte nur: „Wenn die das schaffen, schaffe ich das auch.“ Und so fahren wir weiter, vorbei an Landschaften, die aussehen, als hätte die Natur selbst ihre kühnsten Träume gemalt: Weite Ebenen, türkisfarbene Seen, Berge, die mal scharf und klar, mal in Wolken getaucht wirken. Die Langsamkeit nervt mich nicht – sie ist der Preis dafür, wirklich da zu sein.
Villa Monzino, Lago Pehoe – Ankommen im Unterwegssein
Für die Nacht stelle ich mich an einen der Plätze, an denen man einfach stehen darf: Villa Monzino. Kein Campingluxus, keine Infrastruktur – dafür etwas, das ich viel mehr brauche: Ruhe, Weite, das Gefühl, mitten im Nationalpark zu stehen und doch bei mir selbst anzukommen.
Von dort starte ich zu einer leichten Wanderung zum Lago Pehoe. Der Weg führt über Wiesen, die schon herbstlich braun geworden sind, vorbei an Wildpferden, die sich von meiner Anwesenheit nicht im Geringsten beeindrucken lassen. Immer wieder sehe ich den Río Grey, manchmal nur als silbernes Band in der Ferne, dann wieder ganz nah. Über mir ziehen Wolken, die sich im Minutentakt verändern, um die Berge legen sie sich wie ein lebendiger Schleier.
Als ich am Lago Pehoe ankomme und auf das Wasser schaue, fühle ich diese stille Freude, die nicht laut jubelt, sondern tief von innen kommt. Nach einer kurzen Pause zwingt mich eine dunkle Wolke zum Aufbruch – sie schiebt sich bedrohlich näher, und ich weiß, dass noch einige Kilometer vor mir liegen. Am Ende habe ich Glück: Ich werde nicht nass. Nur müde. So müde, dass Möhre und ich beide früh schlafen gehen. Die Sonne steht schon tief, und ihre Kraft reicht nicht mehr aus, um die Batterien bei trübem Wetter wirklich aufzuladen. Aber für diesen Tag reicht sie – und das ist genug.
Ladebooster, Schotter und der Blick zum Gletscher
Am nächsten Morgen ist erstmal Schrauben angesagt: Ich baue meinen Ladebooster ein, damit die Batterien wieder besser versorgt werden. Es ist dieser Mix aus Natur und Technik, der mich auf dieser Reise immer wieder begleitet: erst der Blick auf Berge und Seen, dann die Hände voller Kabel und Werkzeug.
Dann geht es weiter, wieder über Schotter, wieder langsam, Richtung Guardería Pingo. Am späten Nachmittag komme ich an, müde, aber erfüllt. Für den Abend bleibt noch Energie für einen Spaziergang zum Lago Grey. Dort, am Ende des Weges, öffnet sich der Blick auf den Gletscher, der still im Wasser liegt, als würde er seit Jahrhunderten über diese Landschaft wachen. Die Luft ist kühl, der Wind trägt Geschichten mit sich, und ich stehe da und spüre, wie klein und gleichzeitig lebendig ich bin.
Warten auf die Türme – und auf gutes Wetter
Heute sitze ich in Möhre, lausche dem Regen auf dem Dach und schaue zu, wie das schlechte Wetter an mir vorbeizieht. Draußen ist alles grau, innen ist es warm, und in mir breitet sich eine Mischung aus Vorfreude und Ruhe aus.
Mein Ziel ist klar: Ich möchte zum Mirador Base Torres, zu diesen ikonischen Türmen, die sich schroff in den Himmel schieben und von denen so viele schwärmen. Doch ich will sie nicht im Nebel erahnen, sondern wirklich sehen. Also warte ich. Die Vorhersage sagt, dass es am Donnerstag besser werden soll, und ich vertraue darauf – auf das Wetter, auf meinen Körper, auf die Reise.
Gesund, unterwegs, lebendig
Vielleicht ist das das Wichtigste, was ich euch heute erzählen möchte: Ich bin gesund. Mein Körper macht mit, Möhre läuft wieder, und ich kann diese Reise im Nationalpark endlich weiterführen – nicht im „Überlebensmodus“, sondern mit offenen Augen und einem offenen Herzen.
Zwischen all den Pannen, Werkstattnächten, Zahnarztterminen und Schotterpisten ist mir noch einmal bewusst geworden, wie fragil dieses Unterwegssein ist – und gleichzeitig, wie stark. Es braucht nicht viel: einen zuverlässigen Motor, ein paar helfende Hände, ein bisschen Mut und das Vertrauen, dass sich die Dinge fügen.
Jetzt, hier im Torres del Paine, wo die Berge manchmal im Nichts verschwinden und im nächsten Moment scharf in den Himmel schneiden, spüre ich: Ich bin genau da, wo ich sein soll. Und ich habe die Kraft, weiterzugehen.

Irgendwo zwischen Traum und Abenteuer, auf den Straßen der Freiheit. Mit meinem treuen LKW
entdecke ich atemberaubende Landschaften, begegne spannenden Menschen und lasse mich von
neuen Kulturen inspirieren. Die Welt ist groß, und jede Reise birgt unzählige Geschichten,
die nur darauf warten, erzählt zu werden.